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Leseprobe

Quintessenzen Sven Böttcher

Quintessenzen Sven Böttcher - Erzähl Dich um

Quintessenzen Sven Böttcher : „Erzähl dich um:
Wir alle sind Autoren. Selbst wenn wir keine Romane schreiben. Sobald wir unsere Lebensgeschichte erzählen, ob anderen oder uns selbst, werden wir automatisch zu Autoren.

Und je öfter wir anderen oder uns selbst die Story erzählen, desto sicherer und pointierter wird diese.
Dabei halten wir uns unbewusst an die Regeln der Erzählkunst, denn wir alle lieben gut erzählte Geschichten. Eben solche mit Helden drin, strahlenden oder tragischen. Mit Widersachern. Mit Mentoren, Helfern. Mit Tätern und Opfern, mit Drama und – manchmal – Komik. Mit »Plot Points«, also den entscheidenden Momenten und Wendepunkten.

So erzählen wir unsere eigene Geschichte. Nicht als Zen-Ansammlung von unzusammenhängenden, zufälligen Ereignissen, sondern so, dass sie irgendeinen Sinn ergibt.

Welchen, entscheiden wir selbst, durch Bewertung, Weglassung und Verstärkung. Hauptdarsteller oder Hauptdarstellerin in dieser Geschichte sind immer wir selbst. Allen anderen Darstellern weisen wir ihren Platz zu und ihre Funktion.

Solange diese unsere Erzählung sich stimmig anfühlt oder anhört, vor allem in unseren eigenen Augen und Ohren, bedarf es keiner Neufassung. Bei jeder Form von Lebensunwohlsein oder latenter Unzufriedenheit sollten wir allerdings tätig werden: als Drehbuchautoren unseres eigenen Seins – und die ganze Story versuchsweise dramatisch umschreiben.

Nicht gleich vor Publikum, wohl aber im Stillen, für uns selbst. Bei diesem »Re-Write« erweist es sich als äußerst hilfreich, alles infrage zu stellen und neu anzulegen.

Insbesondere die Motivation und Rolle der Hauptdarstellerin neu zu denken, aber auch die der Nebenfiguren.
Haben wir bislang eine Heldinnengeschichte erzählt, machen wir eine Opfergeschichte daraus.
War’s bislang eine Opfergeschichte, versuchen wir’s mal mit einer Heldengeschichte.

Die Nebenrollen ändern wir gleich mit, zwangläufig (denn da jetzt Spartakus eine Maus oder andersrum verändert sich natürlich auch jede Randfigur). Täter werden Opfer, Opfer Täter. Aus Abneigung wird Zuneigung, vielleicht verkappt, verborgen. Motivieren wir die Nebendarsteller neu. Tiefer, bei Bedarf. Geben wir ihnen und ihrem Handeln mehr Gewicht (oder weniger).

Machen wir aus Mentoren - Egoisten, aus Karriereverhinderern - Helfer, aus gütigen Müttern Egoistinnen und aus finsteren Vätern - Altruisten. Oder andersrum.

Quintessenzen Sven Böttcher - Verpasste Chancen

Machen wir aus verpassten Chancen glückliche Fügungen. Du wirst merken, dass sich das Meiste von selbst ergibt. Denn schon durch kleine Änderungen im Skript, in den Motiven deiner handelnden Personen, musst du alles neu und anders erzählen.

Gut möglich, dass einige dieser experimentellen Neufassungen sich völlig falsch anfühlen – diese sind umgehend zu verwerfen. Aber auch jedes erfolglose Gedankenexperiment stellt den bisherigen Entwurf deiner Lebensgeschichte erfolgreich auf die Probe und stärkt sie.
Es kann indes auch sein, dass dir die neue Version viel schlüssiger erscheint als die alte, die du seit Jahren oder Jahrzehnten dir selbst erzählst.

Was im ersten Moment erschreckend und erschütternd ist, weil man sich selbst ungern bei Fehlern ertappt, aber im zweiten Moment äußerst hilfreich. Und du wirst positiv überrascht sein, welche Möglichkeiten sich aus dieser neuen, stimmigeren Version ergeben – für dich, die Hauptdarstellerin. Und für den ganzen weiteren Verlauf deiner Lebensinszenierung.

Denn hier liegt der entscheidende Unterschied zu all den anderen Geschichten, die wir uns und einander erzählen: In unserer, unserer ganz eigenen Geschichte sind wir mittendrin, sie ist noch nicht vorbei. Zwar steht fest, wie sie endet, nämlich nicht als romantische Komödie mit Hochzeitsglocken und Reisregen, sondern unweigerlich mit dem Tod unserer Hauptfigur; aber wie alles von genau Jetzt an weitergeht und ob das Ende sich zufriedenstellend anfühlt oder frustrierend, hängt ganz entscheidend davon ab, wie wir die Vorgeschichte erzählen.

Haben wir die nämlich krumm und falsch geschildert, kann auch der Rest der Story nicht gelingen, ganz gleich, wie sehr wir uns bemühen.
Deshalb: Gönnen wir uns gelegentlich eine komplette versuchsweise Überarbeitung der Story - und zwar rechtzeitig. Denn nichts ist tragischer als ein Mensch, der erst auf dem Sterbebett kapiert, dass er sich seine eigene Lebensgeschichte von Anfang an falsch erzählt hat.
Außer vielleicht Menschen, die’s nicht mal dort kapieren.

Quintessenzen Sven Böttcher - Gefangene unserer Systeme

Selbst ein kluger Fisch wäre überfordert damit, sich eine Weltanschauung zu machen, in der Wasser nicht vorkommt. / Fische sind daher mäßige Philosophen, wir hingegen haben das Potenzial, über die Oberfläche hinauszudenken, kraft unseres kühnen Geistes. Dieses einzigartige Werkzeug sollten wir gelegentlich sinnvoll nutzen und uns mittels der nachfolgend geschilderten einfachen Übung neue Perspektiven eröffnen: auf unsere Umwelt und deren gelegentlich rätselhafte Bewohner.

Im Normalzustand, im Alltag, sind wir Gefangene unserer Systeme – unserer Sprache (an die alles, was wir wissen oder zu wissen glauben, gebunden ist); Gefangene unserer Moral, unseres Ego, unserer Definitionen, unserer Überzeugungen. / Es ist daher ausgesprochen erfrischend für Seele und Geist, eben diese Fesseln gelegentlich zu testen. Das Gemeine an diesen Fesseln ist nur, dass sie nicht etwa klein und fast unsichtbar sind, sondern so riesig und allgegenwärtig, dass wir sie gar nicht als Fesseln erkennen.

Das Vorhandene ist selbstverständlich / aber nicht selbsterklärend. Es enthüllt nur dem seine Bedeutung, der es sich wegdenkt.
Die Übung ist daher simpel: Entferne gedanklich eine fundamentale Selbstverständlichkeit aus dem System, in dem du lebst. Nicht eine Selbstverständlichkeit wie den Bus in die Stadt oder den Käse im Kühlschrank, sondern zum Beispiel Licht, Wasser, den Begriff »Rot« oder das Telefon.

Quintessenzen Sven Böttcher - Denken und Fühlen

Stell dir vor, du lebtest am Nordpol. Ohne Begriff für Blumen, den Duft einer frisch gemähten Wiese oder den eines Waldes nach dem Sommerregen. Wäre dein Denken und Fühlen genauso wie jetzt?

Stell dir vor, du müsstest neunzig Minuten eisern und aufmerksam vor deinem Computer sitzen, um eine einzige CD mit deinen Lieblingssongs zu brennen.
Oder: du müsstest zwei Jahre reisen und zahllose Geschäfte abklappern, zu Fuß, um ein ganz bestimmtes vergriffenes Buch kaufen zu können. / Wärst du ein anderer Mensch?

Stell dir vor / du lebtest in einer Gesellschaft, die aus philosophischen Gründen die Existenz der »Null« verbietet, weil diese keine Zahl ist. Sei doch nun bitte so nett und versuche die vergleichsweise simple Rechenaufgabe 12 x 4156 schriftlich zu lösen. Fast unmöglich? Wohl wahr.
Du warst eben / für einen Augenblick / Römerin, denn unter den römischen Ziffern fehlt die Null tatsächlich. Aus den genannten Gründen. Die Null ist keine Zahl.

Können die Römer gedacht haben wie du und ich, im Wissen, dass es keine Null gibt? Und konnten sie wissen, was sie alles nicht mal / ahnten?
Stell dir vor, du glaubtest, dass die Sonne um die Erde kreist. Glaubtest also dem Augenschein. Verändert das deine Wahrnehmung? Nur deine Wahrnehmung des Sonnenaufgangs, oder auch die Wahrnehmung deiner Rolle im Universum, deiner Aufgehobenheit, deiner Bedeutung? Und nun stell dir vor, dass einer beweist, dass das nicht so ist / dass tatsächlich die Erde kreist. Nicht die Sonne: dann bist du bei der Unerhörtheit, die Kopernikus damals beging.

So unerhört war das, dass selbst 150 Jahre später Shakespeare immer noch verzweifelnd in Richtung des zerstörten Systems schrieb: »Es gibt Dinge zwischen Himmel und Erde, die unsere Schulweisheit sich nicht träumen lässt.«

Auch Genies tun sich schwer mit dem Verlassen ihres Elements.

Tu’s gelegentlich spaßeshalber. Denk dir hin und wieder ein paar selbstverständliche Dinge weg, wenn du die Welt, einen Menschen oder dich selbst nicht verstehst. Raus aus dem warmen Mantel, ab ins kalte Wasser. (Und keine Sorge / es geht dir nur bis zum Bauch.)

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